Übersicht über alle Fragen und die richtigen Antworten

 

1. Können sich Kinder auch alleine ans Jugendamt wenden?

Ja.

Das Recht auf Beratung steht allen Minderjährigen nach Paragraf 8 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) zu. Für Kinder oder Jugendliche, die den Kontakt mit einer Beratungsstelle oder dem Jugendamt an ihrem Wohnort scheuen, kann eine anonyme Telefon-oder Onlineberatung eine erste Anlaufstelle sein.

Nein. Minderjährige dürfen nur in Begleitung eines Erwachsenen beim Jugendamt vorsprechen, z. B. der Eltern, eines Lehrers oder einer Nachbarin.

Ja, aber nur mit dem Einverständnis der Eltern.

 

2. Dürfen Eltern ihre Kinder schlagen?

Nein.

Das Schlagen von Kindern ist seit November 2000 gesetzlich verboten: Das Grundrecht auf gewaltfreie Erziehung ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB, § 1631, Absatz 2) verankert. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig. Leider ist die Ansicht, dass Schläge Kindern helfen, sich später im Leben zu recht zu finden, noch immer weit verbreitet. Manche Menschen argumentieren, körperliche Gewalt sei weniger schlimm als seelische Verletzung. Für Kinder existiert dieser Gegensatz jedoch nicht. Sie erleben Zurückweisungen und Ohrfeigen gleichermaßen als Demütigung und reagieren darauf häufig mit Ohnmacht und Angst.

 

3. Wie viel kostet die Beratung beim Jugendamt oder bei einer Erziehungs-und Familienberatungsstelle?

Die Beratung ist kostenlos.

Für die Gespräche bei zum Beispiel Erziehungs-und Familienberatungsstellen müssen Ratsuchende weder Anträge ausfüllen noch etwas bezahlen. Und die Beratung wird anderen Stellen gegenüber, wie zum Beispiel Kindertagesstätte, Schule oder Jugendamt, vertraulich behandelt.

 

4. Was ist die wichtigste Aufgabe des Jugendamtes?

Beraten, unterstützen und entlasten von Familien und gefährdete Kinder schützen

Kinder schützen, Eltern unterstützen - so lässt sich der Auftrag zusammenfassen, den das Jugendamt nach Paragraf 1, SGB VIII hat: Das Jugendamt soll Eltern bei den Aufgaben der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder beraten, unterstützen und entlasten. Und das Jugendamt soll - als Teil der staatlichen Gemeinschaft, die nach dem Grundgesetz über die Erziehung zu wachen hat - Kinder vor Gefahren für ihr Wohl schützen. Dem Jugendamt ist somit eine doppelte Aufgabe zugewiesen. Es ist also auch eine Instanz der Kontrolle, die im Einzelfall die elterliche Sorge berühren kann, um ein Kind zu schützen. Doch der Aufgabenschwerpunkt des Jugendamtes liegt bei vorbeugenden, familienunterstützenden Angeboten.

 

5. Hat eine Mutter das Recht, ihr Kind zurückzunehmen, nachdem sie es in eine Babyklappe gelegt hat?

Ja, innerhalb der ersten acht Wochen.

Frauen, die ihr Kind nach der Geburt in einer Babyklappe abgeben oder sich im Krankenhaus anonym entbinden lassen, haben acht Wochen Zeit, ihren Säugling - der so lange zum Beispiel in einer Pflegefamilie lebt - zurückzunehmen. Entscheidet sie sich dann dagegen, wird das Kind zur Adoption freigegeben.

 

6. Woran erkennt man, ob blaue Flecken bei einem Kind Folgen einer Misshandlung sind?

Wenn man sich an seine eigene Kindheit erinnert, weiß man, wo die Stellen für "gesunde blaue Flecken" sind: an den Schienbeinen, an den Knien, an den Ellenbogen.

Blaue Flecken an anderen Stellen, z. B. am Kopf oberhalb einer gedachten Hutkrempe, auf der Wange, am Oberarm oder am Gesäß, Rücken, Brust und Bauch sind Alarmzeichen. Dann ist es gut, sich an eine Beratungsstelle zu wenden und zu klären, welche Schritte man unternimmt, um das Kind vor möglichen Misshandlungen zu schützen.

 

7. Wie viele Kinder und Jugendliche sterben jedes Jahr an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung in Deutschland?

Mehr als 150 Kinder und Jugendliche

An den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder. Andere werden so schwer verletzt, dass massive körperliche Behinderungen zurückbleiben. Ein noch größeres Ausmaß hat die Gewalt, die sich unterhalb dieser Schwelle abspielt. Schläge, Demütigungen, mangelnde Förderung und Fürsorge, sexueller Missbrauch - das Martyrium vieler Kinder dauert manchmal Jahre. Für das Jahr 2011 registrierte die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 3583 Anzeigen von Kindsmisshandlungen (§§ 225 StGB) und 12.444 Anzeigen von sexueller Gewalt gegen Kinder (§§ 176, 176a, 176b StGB). Doch die in der Statistik erfassten Fälle sagen über den wahren Umfang von Gewalt gegen Kinder nur wenig aus. Nach Einschätzung der Experten und Behörden sind sie kaum mehr als die Spitze des Eisbergs - die Dunkelziffer, so ist zu vermuten, dürfte um 90 Prozent höher liegen. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks UNICEF leben in Deutschland rund 200 000 Kinder in verwahrlosten Zustand oder werden misshandelt.

 

8. Wie sollte man sich verhalten, wenn ein Kind aus dem Freundes-oder Bekanntenkreis von seinen Eltern vernachlässigt wird, z. B. häufig allein in der Wohnung gelassen wird oder mit unangemessener Kleidung herumläuft.

Der erste Schritt sollte sein, die Eltern darauf anzusprechen und ihnen Unterstützung anzubieten.

Wenn die Eltern die Hilfe ablehnen, sollte man sich unbedingt an eine Kinderschutz-Hotline, eine Erziehungs-und Familienberatungsstelle oder direkt an das Jugendamt wenden. Auf diese Weise können die Eltern unterstützt und die Kinder rechtzeitig geschützt werden, bevor die Situation außer Kontrolle gerät.

 

9. Ist das Jugendamt verpflichtet, jedem Hinweis auf eine Misshandlung oder Vernachlässigung nachzugehen?

Ja.

Ebenso wie die Polizei sind auch die Mitarbeiter des Jugendamtes verpflichtet, auch einem anonymen Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung nachzugehen. Zu ihren Aufgaben gehören immer zuerst das Gespräch mit den betroffenen Eltern, ein persönlicher Kontakt mit dem Kind und ein Hausbesuch, um sich ein Bild über die angezeigte Situation zu verschaffen. In begründeten Fällen wird in der Regel zunächst mit den Eltern überlegt, wie diese künftig besser und vor allem gewaltfrei für ihr Kind sorgen. Nur in akuten Fällen nehmen die Mitarbeiter des Jugendamtes das Kind in Obhut, das heißt, das Kind wird vorübergehend in einer Pflegefamilie oder einem Kinderheim untergebracht.

 

10. Welche Folgen hat es für Kinder, wenn zuhause Gewalt zwischen den Eltern herrscht?

Das Miterleben von Partnerschaftsgewalt ist für Kinder genauso schlimm wie selbst misshandelt zu werden.

Wenn zuhause Gewalt zwischen Erwachsenen herrscht, geraten Studien zufolge in einem Viertel aller Fälle die Kinder in die Auseinandersetzungen hinein oder versuchen, ihre Mutter zu schützen. In jedem zehnten Fall erleiden die Kinder dann selbst direkte körperliche und/oder seelische Misshandlungen. Doch auch in den Fällen, bei denen Kinder körperlich unversehrt bleiben, sind sie niemals nur Zeugen, sondern immer auch Leidtragende. In verschiedenen Untersuchungen wurde festgestellt, dass das Miterleben von Partnerschaftsgewalt massive Auswirkungen auf die betroffenen Kinder hat und deren Entwicklung in erheblichem Ausmaß beeinträchtigen kann.

 

11. Sind Schulen gesetzlich verpflichtet, bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung das Jugendamt zu informieren?

Ja.

Lehrer sehen ihre Schüler in der Regel täglich. Signale, die auf eine Gefährdung hindeuten, werden in der Schule häufig zuerst wahrgenommen. Nach § 4 Abs. 3 Brandenburgisches Schulgesetz (BbgSchulG) sind Lehrkräfte sowie weitere Fachkräfte verpflichtet, „jedem Anhaltspunkt für Vernachlässigung oder Misshandlung nachzugehen“ und „rechtzeitig über die Einbeziehung des Jugendamtes oder anderer Stellen“ zu entscheiden. Bei akuter Gefährdung sind das Jugendamt – und je nach Fallkonstellation auch andere Institutionen – sofort zu informieren. In allen anderen Fällen – soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird – soll Schule zunächst auch das Gespräch mit dem Schüler und dessen Eltern suchen (Artikel 1, § 4 Abs. 1, Pkt. 7 Bundeskinderschutzgesetz/Gesetz zur Kooperation und Information). Ist dieses Vorgehen jedoch erfolglos, so ist Schule befugt, das Jugendamt hinzuzuziehen und erforderliche Daten weiterzugeben. Darauf sind Schüler und Eltern vorab hinzuweisen, es sei denn, dass dadurch der wirksame Schutz des Schülers in Frage gestellt wird (Artikel 1, § 4 Abs. 2 BKiSchG/KKG).

 

12. Welche Unterstützung können Eltern von Schule erwarten, wenn ihr Kind Opfer einer „Cybermobbing-Attacke“ wird?

Wird ein Cybermobbing-Fall bekannt, so muss die Schule – die Schulleitung oder der Klassenlehrer – unverzüglich reagieren.

Bei Cybermobbing sollten Eltern den Vorfall zunächst möglichst detailliert dokumentieren: per Bildschirmfoto (Screenshot) und Speicherung diffamierender E-Mails. Außerdem sollten die Betreiber der Plattform unverzüglich kontaktiert werden, damit die betreffenden Inhalte schnell gelöscht werden. Ein Großteil der Cybermobbing-Attacken hat seinen Ursprung im Alltag der Kinder und Jugendlichen. Oftmals kennen sich Opfer und Täter und gehen zum Beispiel auf dieselbe Schule. Cybermobbing ist kein Böse-Buben-Streich sondern ein Straftatbestand. Deshalb muss Schule muss reagieren und sollte mit Opfer und Täter (sofern bekannt) sprechen und gemeinsam eine Lösung finden. Oft kann eine Wiedergutmachung vereinbart werden. Doch manchmal brauchen die Opfer und auch die Täter professionelle Unterstützung. Dabei beraten Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter oder Beratungslehrer, die in Cybermobbing-Fällen erfahren sind. Bei der Klärung können auch Präventionsbeamte der Polizei zu Rate gezogen werden. Dies macht vor allem Sinn, um einschätzen zu können, ob rechtliche Schritte eingeleitet werden sollen oder nicht. Obwohl es kein eigenes Gesetz gegen Cybermobbing gibt, fallen bestimmte Formen von Cybermobbing unter andere Strafgesetze, zum Beispiel das Strafgesetzbuch (StGB).

 

13. Täter sexueller Gewalt gegen Kinder sind meistens fremde Männer, die ihre minderjährigen Opfer auf dem Spielplatz ansprechen oder ins Auto zerren.

Das ist falsch.

Zwar findet sexuelle Gewalt gegen Kinder häufiger als bei anderen Misshandlungsformen im außerfamiliären Kontext statt. Doch meist ist der Täter seinem minderjährigen Opfer bekannt. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011) sind die Täter zu rund 42 % Bekannte und zu 27 % Familienangehörige. Unbekannt sind die Täter in knapp 26 % der Fälle. In über 10 % der Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder sind die Täter weiblich. Laut Kriminalstatistik 2011 werden in Deutschland jährlich 13.000 Fälle sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen registriert. Mit anderen Worten: Jeden Tag werden 36 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Dabei erfasst die Statistik nur angezeigte Taten, die Dunkelziffer ist wesentlich größer.

 

14. Das Jugendamt erfährt, dass ein Kind von seinen Eltern geschlagen wurde. Unter welchen Voraussetzungen entscheidet das Jugendamt, das Kind in der Familie zu lassen?

Dafür sind zwei Voraussetzungen nötig: Erstens: Das Jugendamt stellt weder eine akute noch eine andauernde Kindeswohlgefährdung fest. Zweitens: Die Eltern sind bereit und in der Lage, die Beratungs- und Hilfeangebote vom Jugendamt anzunehmen.

Liegen diese Voraussetzungen vor, so bietet das Jugendamt den Eltern Hilfen an, die zum Ziel haben, die Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe zu unterstützen und das Kind zu schützen. In einer gemeinsamen Vereinbarung werden Art, Umfang und Ziele der Hilfen festgehalten. Weiterhin wird vereinbart, dass das Jugendamt regelmäßig prüft, ob die vereinbarten Hilfen geeignet sind, das Wohl des Kindes zu schützen. Kommt das Jugendamt dabei zur Einschätzung, dass die Hilfen nicht ausreichen oder lehnen die Eltern die angebotenen Hilfen ab, ist die Gefährdungsschwelle des § 1666 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) erreicht. Dann muss das Jugendamt das Familiengericht einschalten, damit dieses die erforderlichen Maßnahmen trifft. Diese reichen vom Gebot, Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Gesundheitsfürsorge in Anspruch zu nehmen bis zur teilweisen oder vollständigen Entziehung der elterlichen Sorge (§ 1666 BGB, Abs. 3).